Predigt – from maintenance to mission

Gottesdienst am 04.09.2022 vor der Gemeindeversammlung

Wir über uns - Leitbild unserer Kirchengemeinde

„Wir sind EINE mündige, einladende, sich und andere wertschätzende Gemeinschaft, in deren Mitte Jesus Christus steht.
Wir sind für die Menschen in unserer Umgebung da und weisen auf Sinn, Hoffnung und Geborgenheit in Jesus Christus hin.“


Dieses Leitbild entstand 2015 in der Phase, in der die 2. Pfarrstelle wegfiel – mit der Perspektive, dass es in 2018 so sein möge.

Gerade haben wir gemeinsam ein Lied gesungen, welches ganz gut zu unserem Leitbild passt.

Nach dem Leitbild wurde eine Gemeindekonzeption erstellt.

Gemeindekonzeption 2017-2022

Wir wollen die Wahrheit in Liebe leben und zu Christus hinwachsen, dem Haupt der Gemeinde. Er versorgt den Leib und verbindet die Körperteile miteinander. Jedes Einzelne leistet seinen Beitrag. So wächst der Leib und wird aufgebaut in Liebe. (Epheser 4,15)

Mit Gottes Willen und durch Gottes Kraft wollen wir wachsen.
1.    Wir wollen im Glauben wachsen.
2.    Wir wollen als Gemeinde zusammenwachsen.
3.    Wir wollen zahlenmäßig wachsen.


Auf unserer Homepage können wir auch vertiefende Ideen dazu finden, wie diese Gemeindekonzeption in den letzten 5 Jahren umgesetzt werden sollte.

Dafür ist heute nicht Zeit und Ort – damit werden wir uns wahrscheinlich in der 1. Hälfte 2023 beschäftigen.
Damit wir das aber tun können – ein paar vorbereitende Gedanken:

1. Standortbestimmung

Routenplaner – Ziel eingeben: dann braucht der Rechner meinen Startpunkt – meinen Standort, um mich ans Ziel zu führen.
Wenn ich nicht weiß, wo ich bin – ist es schwierig – in die richtige Richtung loszulaufen – bzw. das Ziel geradlinig zu erreichen.

Der ev. Theologe Prof. Dr. Michael Herbst nahm das Wort von Kanzler Scholz auf: Wir leben in einer Zeitenwende.
Und er bezog es auf unsere kirchliche Situation – und auch die Frage nach Corona: Wie bekommen wir wieder Momentum (Der Impuls, der etwas in Bewegung bringt und in Bewegung hält)?

… Dass sich wieder etwas bewegt…
Wir schaffen das?
Krisen sind das neue normal.
Nach 75 Jahren Frieden schwindet nun das Gefühl von Sicherheit und Wachstum.
Was kommt noch alles?
Wie ist das mit den Gemeinden?
Sie schrumpfen – werden unwichtiger, sind erschöpft.
Wir nähern uns einem säkularen Zeitalter. Kirche wird bald in der Minderheit sein in Deutschland.
Kirche hat Vertrauen verloren. Manchmal gibt es sogar schon eine feindliche Haltung gegenüber Christen.
Und wir selber? Wie gerne – fröhlich und laut – reden wir noch von unserem Glauben?
Wann haben Sie das letzte Mal begeistert von Gott erzählt und was er in ihrem Leben getan hat?
Wie gewinnen wir wieder Momentum in der Kirche?

Ich wünsche mir – und andere auch:
•    lebensnahe Gottesdienste mit Stärkung für den Alltag.
•    Hausgruppen, die lebendig sind und andere einladen.
•    Dass es uns leichtfällt, Menschen einzuladen in die Gemeinde.
•    Dass bei uns ein guter Geist spürbar ist.


Ein erster Schritt ist diese Standortbestimmung: Die Lage annehmen, wie sie ist!
ABER DARÜBER NICHT ZU RESIGNIEREN!
Es geht nicht zurück in die gute alte Zeit! Wenn wir Gemeinde wie in der Apostelgeschichte sein wollen, dann müssen wir auch wie in Apostelgeschichte 8 mit den Krisen umgehen.
Im hier und jetzt können wir Gott im Gebet suchen, wir können schauen, wo wir Versöhnung brauchen und lieben lernen. Und uns daran erinnern, dass wir evangelisch sind.

Was bedeutet es, evangelisch zu sein?
Bedeutet es keinen Papst zu haben, keinen Corpus–Christus am Kreuz und keinen Messwein?
NEIN! Evangelisch sein bedeutet, das Evangelium zu kennen.
Die GUTE NACHRICHT:
Die Nachricht, dass sich Gott auf den Weg zu uns macht. Dass Jesus den Tod besiegt hat.
In der Welt haben wir Angst – aber Jesus hat die WELT und die ANGST besiegt
Als das damals die ersten Jünger verstanden hatten und der Heilige Geist sie erfüllte – DA KAM MOMENTUM in die Verängstigen und Entmutigten!

Und dann können wir uns wieder nach AUSSEN wenden – und vom Standpunkt aus… einen Zielort eingeben und wieder Fahrt aufnehmen!

2. Zieleingabe

Auf der Suche nach dem Ziel. Was bestimmt das Ziel?  
Wird die Frage nach dem Wohin von unserem inneren Warum bestimmt?  
Welches Ziel habe ich eingegeben… das hat einen GRUND!!!

Ein Grund kann Angst sein. Ich kann mir Ziele setzten – auch als Kirche – auf Grundlage von Ängsten, die uns treiben.
Die Angst, nicht mehr angesehen zu sein.
Die Angst, dass unserer Finanzen nicht reichen.
Die Angst, für meinen Glauben angegriffen oder hinterfragt zu werden.
Angstgesteuerte Ziele führen vielleicht zu weniger Chaos oder Herausforderung – aber manchmal auf zu kleinerem Ergebnis.

Ich fühlte mich vorletzte Woche nicht besonders fit.
Unser Presbyter Carsten wollte mit mir laufen gehen. Ich hatte Angst zu versagen. Es nicht zu schaffen. Nicht mithalten zu können.
Er war pfiffig. Er hat mir das Ziel nur unklar beschrieben – aber er hatte es vor Augen – und wir erreichten 25% mehr, als ich mir selber zugetraut hätte.

Aber noch besser ist es ja, wenn man ein Ziel vor Augen hat – für das man freiwillig und fröhlich losläuft.

Das Volk Israel hatte ein Ziel, eine Vision: das gelobte Land. Das Land, in dem Milch und Honig fließt.
Und jedes Mal, wenn sie das Ziel aus den Augen verloren, kamen sie zum Stillstand.
Schlimmer noch – sie wollten zurück in die Sklaverei!
Nasch 8-jähriger Planung startete letzten Dienstag der Umbau des Alten Pfarrhauses.
Gestern wünschte ich mich schon wieder zurück in die Vergangenheit – denn der Kopierer ist nicht mehr einsatzbereit.

Dann habe ich mich daran erinnert: Maik – behalte das Ziel im Auge – das tolle, neue Gemeindehaus, auch wenn das Weg dahin noch anstrengend wird.
Christen ist das Reich Gottes verheißen…
Aber nicht, dass wir den Weg dahin in einer gepolsterten Limousine fahren werden.
Aber das Fernziel ist von Jesus gesetzt: Das Reich Gottes in nahe herbeigekommen. Der Weg in die Ewigkeit ist frei: Gehet hin in alle Welt und erzählt den Menschen davon. Ladet sie ein, ein Teil davon zu sein! Es ist die Frage der Ewigkeit.

Ziel-Eingabe: Reich-Gottes-Bau! Ewigkeit

Die Kirche ist der einzige Verein, der für die da ist – die noch nicht da sind.
IST DAS SO? Ist das die Antwort auf die Frage des Warum? Warum es uns gibt?
„Kirche ist Kirche für andere“ hat der Theologe Dietrich Bonhoeffer gesagt.

Wieder so ein starker Satz, wo man sich fragen kann: Was bedeutet das aber? Sollten wir jetzt nicht hier zusammensitzen und Gottesdienst feiern? Ist unsere Gemeinde gar nicht dafür da, dass es uns allen gut geht?

Ich komme zum dritten und letzten Punkt:

3. Gemeinde/Kirche braucht: „Maintenance & Mission“ - Bewahrung und Bewegung in Mission

Davon habe ich schon letzte Woche gesprochen.
Dieser Satz von dem katholischen Theologen James Mellon hat mich angesprochen.
Warum hat mich das angesprochen? – Vielleicht weil ich mehrere Male in den USA als maintenance-worker gearbeitet habe.
Als Hausmeister – als Junge für alles – als Gärtner, Maler, Dachdecken, Bauarbeiter.
Auf einem über 100 Jahre alten Gelände einer Missionsgesellschaft mit Verwaltung, Gästehäusern, ehemaliger Landwirtschaft gibt es immer was zu tun. Der Zahn der Zeit nagt an den Gebäuden und die Wiesen mähen sich nicht von allein.
Bilder: - Zäune streichen – Garagen streichen – Dächer decken – neue Wege anlegen, so ein Bagger ist ein tolles Spielzeug…

Das Missionsgelände ist es wert, immer wieder in Stand gehalten zu werden – damit Menschen dort leben und arbeiten können.
Das gilt natürlich auch für unsere Gebäude.
Die 4 Meter Latte vom Kirchturm ist in unserem Pfarrgarten –runtergefallen – muss doch repariert werden – es muss doch sicher sein. Es darf doch kein Nagel rausgucken. Spielgeräte dürfen keine Gefahrenstellen für unsere Kinder sein.

Und außerdem: Wir müssen doch ehren was da ist. Maintain – bewahren,  mantaince – Bewahrung.
Maintenance ist wichtig – Instandhalten – Wir haben Verantwortung für die anvertrauten Güter –
Wir müssen sie doch weitergeben an die nächste Generation
Die Kirchen müssen doch erhalten bleiben…
Die Orgeln – und und und…

Und dann merken wir, dass viel zu schnell all unsere Kraft und Ressourcen in die Erhaltung und ins Bewahren fließt.

In den USA habe ich auf dem Gelände einer Missionsgesellschaft gearbeitet: Sie haben ein klares Ziel: Missionare in alle Welt zu senden, damit Menschen das Evangelium kennen lernen. Das Ziel der Missionsgesellschaft ist nicht der Erhalt der Liegenschaften – sondern die Liegenschaften sind dafür da – dass das Ziel erreicht werden kann. Die Liegenschaften sind nicht das Ziel.
In New Jersey nicht – und in Müllenbach nicht.

So kommen wir zu der spannenden Frage nach dem Gleichgewicht:
Wie kommen wir zu einem Gleichgewicht zwischen maintenance und mission - zwischen Bewahrung und Bewegung zur Mission?

Wir müssen uns immer wieder daran erinnern: Warum es uns gibt: Der Grund der Existenz von Kirche und Gemeinde ist, dass Jesus die Jünger in die Welt ausgesandt hat – um die gute Nachricht zu verkünden.
Da kommen wir her. Und das muss unser Ziel bestimmen.

Move your church from maintenance to mission.

Wir brauchen die richtige Balance, denn wenn wir in der Hauptsache nur bewahren, verlieren wir den Grund und das Ziel aus dem Blick.
Ein Navi ohne Standort und Ziel wird dich nirgendswo hinbringen.
Und wenn wir schon aus der Balance kommen sollten, dann ist der Auftrag Jesu eindeutig in welche Richtung die Waage gehen soll: hin zu einer Kirche, die ihrem Auftrag ausführt und Menschen zu einer persönlichen Begegnung mit Gott einlädt.

Amen

Pfarrer Maik Sommer